Zahlreiche Geschichten ranken sich um die „heilige Kuhwiese“ in der schleswig-holsteinischen Provinz - über Senior:innen, die für einen Festivalbesuch aus dem Altersheim ausbrechen, legendäre Konzerte, Begegnungen zwischen Fans und ihren Idolen und natürlich das namensgebende Dorf, das sich freudig mit ins Geschehen einbringt. Um diese Begeisterung zu verstehen, muss man wohl dabei gewesen sein. Wir sind also zum ersten Mal überhaupt beim Wacken, im Gepäck eine neugierige Skepsis, was es mit diesem mystischen Ort auf sich hat, der Metalheads aus aller Welt wie magisch anzuziehen scheint.
Beitrag auf Instagram ansehen
Erfüllte Grundbedürfnisse
Und obwohl das Festival augenscheinlich voller, teurer und kommerzialisierter als viele Konkurrenzveranstaltungen ist, funktioniert das Grundlegende erstaunlich reibungslos: Toiletten sind in ausreichender Menge vorhanden, die Schlangen an den Trinkwasserstellen sind trotz brütender Hitze sehr kurz, und obwohl insgesamt recht dicht gedrängt wird, kommt man fast immer an gute Plätze vor den Bühnen. Mit erfüllten Grundbedürfnissen richtet sich der Blick also auf das musikalische Programm. Unter den Headlinern ist allerdings entweder der Altersdurchschnitt der Musiker:innen sehr hoch, oder der zum unironischen Feiern erforderliche Alkoholpegel. Die Highlights finden sich ganz eindeutig abseits der Hauptbühnen:
Den perfekten Soundtrack zum staubtrockenen Wetter liefern direkt am ersten Tag Kadavar. Die vier Berliner sehen mit ihren Schlaghosen und Seidenhemden nicht nur aus wie eine Psychedelic-Rock-Gruppe aus den 70ern, sie klingen auch so – nur noch eine Spur trockener, wuchtiger und wortkarger. Beim Auftritt des Gitarristen Yngwie Malmsteen scheint das Publikum dagegen nicht auf Betriebstemperatur kommen zu wollen. Nach ein paar gelassenen Witzeleien über den müden Applaus zerlegt er sein Instrument – wie zum Trotz – im Rahmen eines minutenlangen Solos und bei laufendem Verstärker in seine Einzelteile.
Metal-Battle und Tribute-Bands
Im Metal Battle, dem internationalen Bandwettbewerb, kann das Glam-Trio Force begeistern. Die Chilenen setzen sich mit bunten Outfits, Oldschool-Flair und viel Energie gegen 30 weitere Gruppen durch. Unser persönlicher Favorit, die japanische (und nicht weniger extravagante) Gothic-Metalcore-Band Given By The Flames, kann sich immerhin den dritten Platz sichern. Um das krumme, 31. Jubiläum des Behemoth-Debütalbums „Sventevith (Storming Near The Baltic)“ gebührend zu feiern, tritt donnerstagnachts ein hochoffizieller Tribute-Act auf: Die isländische Band Misþyrming liefert die rohen Melodien, über denen Behemoth-Frontmann Nergal monologisiert. Die Kombi aus satanistischem Zirkus und musikalischer Brutalität stellt alle weiteren Black-Metal-Shows des Festivals in den Schatten.
Beitrag auf Instagram ansehen
Gäbe es einen Preis für die hässlichste Videoshow des Wochenendes, würde er eindeutig an Sepulturas KI-generierte und schlecht zusammengeschnittene Visualizer gehen. Alleine für den finalen Doppelschlag, bestehend aus den Hits „Ratamahatta“ und „Roots Bloody Roots“, stünde den brasilianischen Groove-Metal-Legenden aber auch der Preis für den würdevollsten (zumindest nationalen) Bühnenabschied zu. Auf der Headbangers-Stage verfolgen Pig Destroyer das Ziel, größtmögliche Verwirrung zu stiften. Sie werfen Instrumente durch die Gegend, headbangen in kotzreizerregendem Tempo und machen dabei auch noch einen Höllenlärm. Zwischen den kurzen, aber intensiven Abreibungen fehlt zwar die Puste für lange Ansagen, nüchterne Musikempfehlungen sind aber noch möglich: „Geht nachher zu Judas Priest! Ich habe gehört, die Band wird mal eine große Zukunft haben.“ Dass direkt im Anschluss auf der benachbarten W:E:T-Stage Animals As Leaders spielen, ist nicht nur aufgrund der beiden Bandnamen lustig. Ihr instrumentaler und ultra-gefasster Djent-Perfektionismus ist obendrein noch absolutes Kontrastprogramm zum vorherigen Grindcore-Chaos.
Kurz vor der Festival-Zielgeraden entscheidet sich das Publikum bei Fit For An Autopsy für pure Moshpit-Anarchie. Eine Handvoll Leute nehmen die freie Fläche in Beschlag, ohne sich darauf festzulegen, ob sie einen Mosh-, Circle- oder Slam-Pit starten wollen. Irgendwie schaffen sie alles gleichzeitig und liegen sich am Ende in den Armen. So harmonisch geht es allerdings nicht überall zu. Gerade bezüglich des Rahmenprogramms und der Organisation gibt es viel Anlass für Beschwerden: Haupt-Getränkesponsor ist dieses Jahr die US-amerikanische Brauerei Anheuser-Busch mit ihrer Marke „Budweiser“. Forderungen nach „mehr deutschem Bier“ gehören dementsprechend zu den Top-Gesprächsthemen vor Ort.
Erste Bands für 2027 bestätigt
Mehrere Besucher:innen berichten zudem, dass sie an den Einlasskontrollen aufgefordert wurden, Sticker, Pins und Patches mit antifaschistischen und queer-solidarischen Aufschriften zu entfernen. Die Veranstalter:innen äußerten sich dazu, indem sie betonen, dieses Vorgehen sei nicht in ihrem Sinne gewesen. Und dass während der finalen Line-up-Ankündigung für kommendes Jahr ausgerechnet Five Finger Death Punch am meisten Applaus einfahren, lässt diesen Nachgeschmack noch eine Spur fader werden.
Beitrag auf Instagram ansehen
Wer dem Mythos im kommenden Jahr dennoch selbst auf den Grund gehen möchte, kann sich bereits auf über angekündigte 50 Bands freuen, darunter Electric Callboy, Helloween, Kanonenfieber, Knocked Loose, Heaven Shall Burn, Halestorm, Blue Medusa, Witch Club Satan und Hiraes. Tickets sind zurzeit ab 281 Euro über die Festivalwebseite verfügbar. 2027 findet das Wacken Open Air vom 28. bis zum 31. Juli statt.
Text: Julius von Glinski
Beitrag auf Instagram ansehen




